"Die Herausbildung der deutschen politischen Sprachen in den Disziplinen und literarischen Gattungen der Frühen Neuzeit"
modifié le: 2011-09-28
 

1. Die politische Sprache des 16. und 17. Jahrhunderts wurde streng durch die Normen der gelehrten Kommunikation geregelt, die ihrerseits in verschiedene Systeme von literarischen Gattungen organisiert wurde. Dies war eine allgemeine Voraussetzung der frühneuzeitlichen Epistemologie und galt nicht nur für die Politik, sondern auch für alle anderen Fächer und Disziplinen und in allen europäischen Ländern. In diesem Sinn erfolgte die politische Debatte in geschlossenen Kreisen oder Gemeinschaften, die dieselben gemeinsamen wissenschaftlichen oder literarischen Kommunikationsnormen teilten. Die politischen Sprachen in Europa entsprachen den unterschiedlichen Kodes der verschiedenen Diskussionsgemeinschaften. Auf ihrer Basis kann man eine Geographie der Sprach- oder Diskursgemeinschaften zeichnen.

2. Auch im Heiligen Römischen Reich wurde die politische Diskussion stark durch Kommunikationskodes und literarische Gattungen geregelt. Insbesondere kann man im Alten Reich zwei Kreise und zwei literarische Gattungssysteme der Politik beschreiben. Einerseits boten die Universitäten einen besonderen Kurs an, der der Ausbildung des Politikers bestimmt war und wesentlich der aristotelischen Tradition verpflichtet war. Die Sprache dieses Unternehmens blieb selbstverständlich das Latein. Für das nicht akademische und höfische Publikum wurden andere literarische Gattungen bevorzugt, die an die Traditionen des Fürstenspiegels und der Hausvaterliteratur anknüpften. Die Sprache dieser Gattungen war das Deutsch.

3. Sprachgeschichtlich zeichnet sich das System der akademischen Gattungen im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert durch eine intensive Erneuerung der Sprache aus, die aber nur im Lateinischen erfolgte. In der akademischen Politik verbreitete sich die deutsche Sprache nämlich erst in der ersten Mitte des 18. Jahrhunderts.

4. Die Geschichte der deutschen Sprachen im 16. und 17. Jahrhundert soll daher eher die höfischen Gattungen berücksichtigen. Hier kann man eine besondere sprachhistorische Erscheinung beobachten. Diese Kommunikationskreise rezipierten nämlich mit Vorliebe die Lehren der politica Christiana, die die politische Herrschaft aus dem vierten Gebot als gewann und sie als eine Variante einer einheitlich göttlichen Ordnung verstand. Dies hatte zur Folge, daß die Sprache der Politik gleich oder sehr ähnlich wie die Sprache der Ökonomik war. Was für den Hausvater galt konnte auch für den Landesvater gesagt werden. Die politische Sprache ruhte gleichsam auf einem terminologischen Dreieck: Gott, Haus und Gemeinwesen. Ein und derselbe christliche Wortschatz galt für Ökonomik und Politik, und auch der Widerstand bediente sich dieses religiösen Lexikons. Diese Identität prägte die höfische, nicht-akademische Tradition der deutschen Politik bis ins 18. Jahrhundert hinein.

 

 
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