Praktiken der Mehrsprachigkeit: das Sizilien des 16. und 17. Jahrhunderts
modifié le: 2011-06-06
 

Es soll im Zusammenhang mit meinem Forschungsvorhaben im Rahmen von EUROLAB weniger der Begriff der Metropole gestärkt, als vielmehr für eine ‘großflächigere’ Untersuchungsgröße plädiert werden, die den historischen Gegebenheiten auf Sizilien – als einem spanischen Vizekönigreich und insofern als einem Teil des mundo hispánico – entspricht. Die Rede soll sein vom Konzept des Kommunikationsraums, das im Umkreis der – zunächst synchronischen – Kontaktlinguistik entwickelt wurde und im folgenden erläutert werden soll (vgl. Krefeld 2004, gesamthaft auch Hafner 2009: 109 ff.).

Zweifelsohne ist es nicht ohne weiteres möglich, die Parameter der modernen Migrationslinguistik uneingeschränkt in die Diachronie zu überführen, doch können bestimmte Bereiche einer historisch verfahrenden Kontaktlinguistik untersucht werden. Gelegentlich wurden hierfür bereits erste Ansätze erarbeitet: so etwa für die Situation des Funktionierens (oder Nichtfunktionierens durch sprachliche Verdrängungsprozesse) von Mehrsprachigkeit im Zeitalter der Französischen Revolution (zu denken wäre hier an Arbeiten von Brigitte Schlieben-Lange (1996), Wulf Oesterreicher (1990) u.a.). Gleichzeitig können jedoch wichtige Bereiche aus dem von Krefeld entwickelten Modell für unsere Belange fruchtbar gemacht werden, insofern Krefelds Ansatz die Antwort auf eine monodimensionierte, da allein geolinguistisch, areallinguistisch oder -typologisch verfahrende, also ausschließlich diatopisch orientierte Beschreibung von Sprachräumen ist. Diese Forschungstradition, die von ‘gegebenen Räumen’ ausgeht, birgt Schwierigkeiten in sich:
[Es] hat [sich] gezeigt, dass sich der sprachliche Raum keineswegs direkt ‘beobachten’ lässt; zwar verleitet die Offensichtlichkeit räumlich konditionierter Sprachvariation dazu, den Raum als eine unmittelbar zugängliche Basiskategorie der Varietätenlinguistik anzusetzen, ohne überhaupt die Notwendigkeit einer theoretischen Fundierung zu sehen. In Wahrheit impliziert auch seine deskriptive Beschreibung jedoch in jedem Falle (sprach-)theoretische Vorannahmen, die allerdings – leider – meist unreflektiert bleiben: Der sprachliche Raum ist eine durchaus komplexe Größe, deren linguistische Erschließung begrifflich erst rekonstruiert werden muss. Aufgabe der Sprachwissenschaft ist es also, die eindimensionale Beschränkung [...] zu überwinden und auch die räumliche Konditionierung solcher Konstellationen in den Blick zu nehmen, die sich durch prekäre, mit einer starken Variation einhergehende Mehrsprachigkeit auszeichnen. (Krefeld 2004: 19)

Es soll also darum gehen, die Geschichte eines kommunikativen Raums zu schreiben, die Verwendung der Idiome im mehrsprachigen Kontext und in ihrer diskursiven Verteilung nachzuzeichnen. Folgende Bereiche können hierbei zum Untersuchungsgegenstand werden:

1) ‘Räumlichkeit’ von Sprache – im Sinne von Arealität und Territorialität. Unter Arealität von Sprache soll die Kategorie der Umgebung und umgebungsspezifischer Variation gefasst werden (also etwa die Bindung sprachlicher, auch dialektaler Merkmale an einen spezifischen Ort – wobei der Dialektbegriff, zumal primärer Dialekte für den hier anvisierten Beschreibungsgegenstand insofern schwierig ist, als die Standardisierungsproblematik im Sizilien des 16./17. Jahrhunderts eine spezifische und zugleich schwierige ist). Territorialität wird verstanden in Bezug auf das zu untersuchende Territorium (als einer realen, gegebenen, politischen, administrativen Größe, innerhalb derer Sprachen und/oder Idiome vorkommen). Der Faktor Territorialität wird, was die synchrone Beschreibung betrifft, oftmals unreflektiert im Konnex Territorium und Nationalsprache gefasst. Für die Diachronie ist eine solche Gleichsetzung fatal. Epistemologische Schieflagen dieser Ausprägung sind etwa bei der Konzeption des sogenannten francien zu sehen, wie sie die Philologie des 19. und 20. Jahrhunderts vertrat – aber genauso auch bei einer nationalphilologisch teleologischen Sprachgeschichtsschreibung, die sowohl in Italien, als auch in Spanien praktiziert wurde und noch immer wird.
2) Situative Räumlichkeit des Sprechens – im Sinne der Positionalität der Kommunikanten und ihrer Interaktion. Diese Kategorie basiert auf dem von Koch/Oesterreicher (1990) entwickelten Modell des Nähe-Distanz-Kontinuums und beziffert die Positionierung der Kommunizierenden in Hinblick auf die Verwendung konzeptioneller Nähe und Distanz (relationale soziale Nähe oder Distanz, sich daraus ergebender Grad der Formalität bzw. Informalität usw.) bzw. hinsichtlich der Sprachenwahl.

Nach diesen theoretischen Bemerkungen schließt sich die Frage an, wie es sich mit den Parametern für den Kommunikationsraum des frühneuzeitlichen Königreichs Sizilien verhält. Folgende Perspektiven lassen sich geben:
1’) für die Territorialität ist zwischen drei großen Bereichen zu unterscheiden: Sizilien, Sardinien und dem Unteritalien der terra firma, wobei der Fokus zunächst auf Sizilien liegen soll
2’) Kontaktfigurationen, die sowohl rein sizilianisch sein können (Kontakt zwischen Personen aus dem palermitanischen Umland und Palermo oder aus anderen Teilen Siziliens), die aber auch unteritalienisch geprägt sind (Kontakt zwischen den regnicoli der Inseln und des Festlands etc.). Darüber hinaus aber natürlich auch spanisch-‘italienische’ Kontaktformen: spanische Vizekönige, Visitatoren , Priester, Beamte und Soldaten, die nach Süditalien kommen und dort (zeitweilig) leben und deren Präsenz (sprachliche) Reaktionen erzeugt.

Es soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass insbesondere eine Gleichsetzung von Territorium und Kommunikationsraum vermieden werden muss: während das Territorium als politisch gebundene – und natürlich auch sprachlich gegliederte – Entität feststeht, können Kommunikationsräume deutlich anders und variabler zugeschnitten werden, nicht zuletzt abhängig von den Erkenntnisinteressen der Forscher: Ein Kommunikationsraum kann mit einem Territorium zusammenfallen, er muss es aber nicht. Kommunikationsräume können entweder kleiner, oder aber deutlich größer als einzelne Territorien sein. Ein Beispiel hierfür wäre etwa der mediterrane Kommunikationsraum, der nicht zuletzt für das von Roland Béhar und mir initiierte EUROLAB-Teilprojekt der mittelmeerischen spanischen Vizekönigreiche wichtig werden wird.

Ausgehend von den Orten sprachlicher Produktion, ihrer diskursiven und kontextuellen Einbindung (gesamthaft verstanden als Kommunikationsraum), sollen Praktiken der Mehrsprachigkeit im Sizilien des 16. und 17. Jahrhunderts untersucht werden. Als Indikator für sprachliches Handeln dienen Krisen – und von Krisen wurde das Sizilien der Frühen Neuzeit selten verschont… Der Fokus der Untersuchung (die meine Habilitationsschrift darstellt) liegt also auf dem Themenbereich der Mehrsprachigkeit in der Krise – pragmatische Schriftlichkeit und Krisenbewältigung im Königreich Sizilien der Frühen Neuzeit. Anhand salienter Krisenphänomene im Königreich Sizilien der Frühen Neuzeit werden sprachliches und mehrsprachiges Verhalten sowie (diskursgebundene) Versprachlichungsstrategien untersucht. Das Zurückgreifen auf Krisensituationen birgt dabei eine Reihe von Vorteilen: zum einen kann die gesamte Zeitspanne der spanischen Vizeherrschaft (16./17. Jahrhundert) anhand ausgewählter Daten abgedeckt werden, zum anderen bedeuten krisenhafte Ereignisse eine jeweilige Vermehrung der (zumeist) pragmatischen Schriftlichkeit. Krisen verschiedener Art erlauben den Zugriff auf verschiedene Diskurstraditionen und -domänen, die unterschiedliche Formen der Mehrsprachigkeit repräsentieren. Unter dem Begriff Krise sollen dabei all jene Ereignisse subsumiert werden, die die etablierte Ordnung des spanischen Vizekönigreichs bedrohten und auf die entsprechend – nicht zuletzt sprachlich – reagiert werden musste. Solche Ereignisse konnten sein:

Naturkatastrophen (Vulkanausbrüche, Erdbeben, etc.), die auch in Berichten der Betroffenen erscheinen, rufen die vizekönigliche spanische Verwaltung auf den Plan; während die Anordnungen ‘von oben’ auf Spanisch erfolgen, findet die lebenspraktische Umsetzung zur Bewältigung der Krisen auf Sizilianisch bzw. in italienischen Idiomen statt. Unter den sizilianischen Großstädten, die in jener Zeit wiederholt von Naturkatastrophen heimgesucht wurden, sind vor allem Catania und Messina zu nennen (Ausbrüche des Ätna 1556 und vor allem 1669 mit schlimmen Folgen für Catania und seinen Hafen), vgl. Cocuzza Silvestri:

[…] l’eruzione del 1669, che si può ritenere una delle più disastrose e spettacolari; [i]nizio l’11 marzo e finì il 15 luglio. […] Il torrente di lava ben alimentato (era largo 4 chilometri e alto 50 metri) investì Catania dal lato di ponente. […] La lava proseguì il suo cammino superando le mura, coprì i Bastioni di S[an] Giorgio e di S[anta] Croce, i fossati del Castello Ursino, seppellì, quindi, i 36 canali del fiume Amenano e si riversò in mare per circa 2000 metri. Catania si spopolò, dei 20.000 abitanti ne rimasero solo 3.000, gli altri cercarono rifugio altrove. Complessivamente la lava inghiottì le case di oltre 27.000 persone [die verwüsteten Ortschaften außerhalb Catanias mitgezählt, J.H.]. Uno dei maggiori problemi fu quello di dare alloggio a tante persone senzatetto. (Cocuzza Silvestri s.a.)

• verheerende Erdbeben (so etwa dasjenige von 1693, das die gesamte Ostküste Siziliens verwüstete), vgl. Peri 1962, vol. 2, 404:

La seconda metà del XVII secolo fu penosa, per Catania. Nel 1669 si verificò la più nota e tremenda eruzione dell‘Etna che memoria d‘uomo ricordi. […] Nel 1693 un gravissimo terremoto si abbatté sulla Sicilia orientale. Si scrisse allora che si erano lamentate «700 chiese rovinate, numero 250 tra conventi e monasteri distrutti, 22 collegiate, due cattedrali e 49 tra terre e città desolate con il lacrimevole eccidio di 930.000 persone.» Nella sola città di Catania le vittime ascesero a più di sedici mila persone; la distruzione degli edifici fu pressoché completa.

Hungersnöte führen zu drastischen logistischen Maßnahmen und bleiben oftmals nicht ohne politische Folgen in Form von Aufständen; von 1500-1520 herrscht eine katastrophale Dürreperiode verbunden mit Hungersnöten auf Sizilien – trotzdem wird das Land weiterhin rücksichtslos als Kornkammer Spaniens ausgebeutet; 1647 hat eine weitere akute Hungersnot den palermitanischen Aufstand zur Folge.

Politische Unruhen (antispanische Erhebungen etwa 1516, 1523, 1647 in Palermo, 1674 in Messina), spektakuläre Kapitalverbrechen, ein weit verbreitetes Brigantentum und das Aufkeimen ‘mafiöser’ Strukturen beschäftigen die Gerichtsbarkeit, die zwischen lateinischen, spanischen und süditalienischen (auf Sardinien sogar lange nach dem Abzug der Aragonesen noch katalanischen) Sprachformen oszilliert. Darüber hinaus werden die Konfrontationen und Reibungen versprachlicht, die durch die Versuche der spanischen Krone entstanden, feudale und oligarche Strukturen in das staatliche System zu überführen (s. auch nächster Punkt; vgl. Benigno 1990).

► Eine vor allem mit Beginn des 17. Jahrhunderts deutlich zunehmende Rivalität unter den sizilianischen Städten um den Status der Königsresidenz (vor allem Palermo vs. Messina) aber auch städtische Konflikte, die sich zu internationalen Konflikten ausweiten konnten, sind in diesem Kontext zu nennen (Messinas Bündnis mit den Franzosen nach dem Aufstand von 1674-78; nachdem die Franzosen allerdings 1678 die Stadt wieder räumen mussten, flohen weite Teile der Bevölkerung aus Angst vor der Rache der spanischen Obrigkeit); darüber hinaus auch die Bedeutung Messinas für den internationalen Handel (Sitz des Consolato del Mare [sprachliche Anknüpfungspunkte zum Katalanischen] und des Consolato della Seta), was mit der energischen Verteidigung dieser Privilegien von Seiten Messinas einherging (vgl. Benigno 1990).

► Die auf Sizilien stets präsente Türkengefahr führt zum einen zum Ausbau der Küstenbefestigungen (der jeweils auch sprachlich organisiert wird), zum anderen sind die Bevölkerung der Küstenstreifen ebenso wie die sizilianischen Seeleute ständig der Gefahr der Piraterie sowie der Entführung und Versklavung durch die Barbaresken ausgesetzt. Es kommt zu Fluchtverhalten der Landbevölkerung ins Landesinnere, aber auch zu einer bedeutenden Vermehrung volkssprachlich administrativ-pragmatischer Schriftlichkeit, die im Umfeld der Sklavenversicherungen und des Freikaufs Entführter entsteht. Dieser Bereich bietet gute Anschlussflächen zu den Arbeiten zum EUROLAB-Teilprojekt von Cornel Zwierlein und seiner Equipe zur handelssprachlichen Volkssprachlichkeit, aber auch zu Zwierleins Arbeiten zur Risikoforschung.
Überhaupt sind die Häfen – und mit ihnen natürlich auch die sizilianischen Hafenstädte gute Produktions-, Rezeptions- und Verbreitungsorte von Mehrsprachigkeit.

Der vizekönigliche Hof selbst ist ein ebensolcher hot spot für Mehrsprachigkeit. Hier bündeln sich zum einen spanische Interessen, die in sprachlicher Hinsicht auf Spanisch transportiert werden; zum anderen werden dort gerade auch die sizilianischen Interessen und Anliegen auf Sizilianisch und Toskanisch verhandelt.

► Der Bereich kirchlicher Laienunterweisung ist zwar kein Moment der Krise – immerhin aber reagiert die Kirche auf die krisenhaften Ereignisse ihrer Zeit. Dabei ist im Unterschied zu Neapel – wo die Konkurrenzsprache zum Lateinischen neben dem Spanischen tatsächlich schon früh das Toskanische ist – auf Sizilien das Sizilianische oftmals die erste Sprachwahl für die Katechese, wie D’Agostino (1989) nachweisen konnte. Auffallend viele sizilianische Beichtspiegel, Trost-, Gebet- und Gesangbücher auf Sizilianisch gelangen sogar in Druck. Entsprechend groß ist auch die Rolle des Sardischen für die Katechese auf Sardinien.

► Ab 1487 – das heißt also noch zu aragonesischer Zeit – wird die Inquisition in Sizilien eingeführt. Im Gegensatz zu Neapel, wo sie nie systematisch Fuß fassen konnte, wird zunächst der Königspalast von Palermo, dann das Castello al mare, schließlich ab 1605 der Palazzo Chiaramonte-Steri zum langfristigen Aufenthaltsort der von Spanien entsandten Inquisitoren, die bis 1782 blieben (Pitrè [1906] 1940: 1).
Obwohl ein Großteil der Prozessakten nach dem Verbot der Inquisition in Sizilien auf offizielles Geheiß am 27. und 28. Juni 1783 verbrannt wurden, ist der Zugang zu den Archivalien insofern gewährleistet, als die relaciones de causas, die von den Inquisitoren zum Consejo de la Suprema y General Inquisición nach Madrid verschickt wurden, erhalten sind.
Vielleicht noch interessanter sind in diesem Zusammenhang auch die zahlreichen Wandinschriften der Gefangenen in den palermitanischen Kerkern, die Pitrè ([1906] 1940) im Jahre 1906 freigelegt und anschließend verzeichnet hat. Die Wände der ehemaligen Zellen, so Pitrè, seien geradezu übersät von Inschriften, die allerdings aufgrund verschiedener übereinanderliegender Putzschichten, bisweilen schwer zu datieren sind: „Per dieci metri quadrati d’ogni parete intera non un dito di spazio libero, non un angolo risparmiato.“ ([1906] 1940: 13) In einigen Fällen jedoch sind die Inschriften datiert und sogar signiert. Es existieren zahlreiche lateinische Inschriften, die oftmals in Verbindung mit bildlichen Darstellungen von Heiligen (Gebete, Hymnen) oder aber symbolischen Darstellungen (Schlange, Basilisk, Doppeladler) auftreten und wohl von der Hand geistlicher Gefangener stammen. Beispielhaft wäre hier etwa eine Darstellung der Schutzpatronin Palermos, der Heiligen Rosalia. Die Inschrift: O Rosalea, sicut liberasti a peste Panhormum, Me quoque sic libera carcere, et a tenebris muss sich also auf einen Entstehungszeitraum nach 1625 beziehen, dem Jahr der Wiederauffindung des unverwesten Leichnams und seiner Überführung nach Palermo, wo sogleich der Verlauf einer Pestepidemie aufgehalten wurde.
Darüber hinaus existieren auch zahlreiche vernakulare Inschriften. Und zwar sowohl auf Toskanisch als auch auf Sizilianisch, als auch in Mischformen. Es sollen hier nur wenige exemplarische Beispiele angeführt werden:

Toskanisch: „Piange la misera perchè il luoco è di pianto.“
                     „Pacienza [sic!]/ Pane, e tempo.“

Sizilianisch: „Sugnu murtu et ancora haiu a muriri.“

Mischformen Sizilianisch/Toskanisch: „[…] diri lu / versu 4, 5 di lu / salmu 131 memento / di Re David […] fino a […]“

Parallelformen:
Toskanisch: „e statti in cervello che qui / danno la tortura
Sizilianisch: „sta in cervellu [eigentlich: cerveddu] chi ccà dunanu la corda a nu’“ / „Vi avvertu chi ccà / prima dunanu la corda

Wie deutlich geworden sein dürfte, eignet sich der Blick auf die Krisen insofern nicht zuletzt besonders gut als Untersuchungsgegenstand von Mehrsprachigkeit, als sie auch als Katalysatoren volkssprachlicher Schriftlichkeit dienten – zumal vor dem Hintergrund, dass es zu keinem Zeitpunkt der spanischen Vizeherrschaft eine explizite Sprachpolitik der spanischen Krone gegeben hat, sondern man im Sinne eines Pragmatismus Mehrsprachigkeit zuließ und sogar förderte. Es soll dabei, wie eingangs bereits gesagt, nicht ausschließlich um eine Untersuchung der „Metropolen“ gehen, sondern gerade auch um verschiedene Konstellationen innerhalb des Kommunikationsraums, die verschiedene Ausprägungen von diskursbedingter Schriftlichkeit erzeugen.
Die Arbeit setzt sich also zum Ziel, den Kommunikationsraum des spanischen Vizekönigreichs Sizilien der Frühen Neuzeit in seiner Mehrsprachigkeit zu beschreiben. Dabei soll vor allem eine jeweils nur italienische bzw. nur spanische Sichtweise auf den Themenkomplex überwunden werden – diese verfuhren großteils nur teleologisch und systematisch, gingen von einer toscanità (oder schlimmer noch: italianità) beziehungsweise hispanicidad aus und negierten die vielfältigen Formen von Mehrsprachigkeit schlicht oder aber rückten sie systematisch aus dem Blickfeld.
Die Arbeit will nicht allein einen Beitrag zu einer historisch verfahrenden Soziolinguistik und Mehrsprachigkeitsforschung leisten, sondern auch der Frage nachgehen, inwiefern sich kontaktinduzierter Sprachwandel anhand von Dokumenten der pragmatischen Schriftlichkeit nachvollziehen lässt. Insofern passt sie gut in den Rahmen unserer Forschergruppe und bietet meines Erachtens zahlreiche Anschlussflächen für weitere Projekte im EUROLAB. Auf diese gemeinsame Arbeit freue ich mich schon heute sehr.

 

Pratiques du plurilinguisme : la Sicile des XVIe et XVIIe siècles

♦ Plaidoyer pour le concept de l'espace communicatif (au lieu des seules métropoles).

♦ Orientation discursive et contextuelle du concept.

♦ Le plurilinguisme étant un état linguistique normal, mais longtemps négligé par l'historiographie linguistique italienne et espagnole, nous avons l'intention d'analyser les différentes constellations discursives du plurilinguisme.

♦ Les crises comme indicateurs du plurilinguisme.

♦ Les phénomènes de crise nous intéressant sont :

cataclysmes (éruption de l'Etna, séismes), cf. Cocuzza Silvestri (s.d.) :

"[...] l'eruzione del 1669, che si può ritenere una delle più disastrose e spettacolari; [i]nizio l'11 marzo e finì il 15 luglio. [...] Il torrente di lava ben alimentato (era largo 4 chilometri e alto 50 metri) investì Catania dal lato di ponente. [...] La lava proseguì il suo cammino superando le mura, coprì i Bastioni di S[an] Giorgio e di S[anta] Croce, i fossati del Castello Ursino, seppellì, quindi, i 36 canali del fiume Amenano e si riversò in mare per circa 2000 metri. Catania si spopolò, dei 20.000 abitanti ne rimasero solo 3.000, gli altri cercarono rifugio altrove. Complessivamente la lava inghiottì le case di oltre 27.000 persone [die verwüsteten Ortschaften außerhalb Catanias mitgezählt, J.H.]. Uno dei maggiori problemi fu quello di dare alloggio a tante persone senzatetto."

• cf. Peri 1962, vol. 2, 404 :

"La seconda metà del XVII secolo fu penosa, per Catania. Nel 1669 si verificò la più nota e tremenda eruzione dell'Etna che memoria d'uomo ricordi. [...] Nel 1693 un gravissimo terremoto si abbatté sulla Sicilia orientale. Si scrisse allora che si erano lamentate « 700 chiese rovinate, numero 250 tra conventi e monasteri distrutti, 22 collegiate, due cattedrali e 49 tra terre e città desolate con il lacrimevole eccidio di 930.000 persone ». Nella sola città di Catania le vittime ascesero a più di sedici mila persone ; la distruzione degli edifici fu pressoché completa."

famines (importante période de famines 1500-1520 ; celle de 1647 provoque la révolte palermitaine)

révoltes (1516, 1523, 1647 à Palerme, 1674 à Messine), crimes capitaux, brigantisme, débuts de structures de mafia

► une considérable augmentation des fortifications face au "danger des Turcs" et de la piraterie, rôle primordial des ports

la Cour de Palerme peut être considérée comme un haut lieu de plurilinguisme, aussi en gérant les crises

► l'Église réagit face aux crises : les écrits de catéchèse – très souvent en sicilien (contrairement à la "tradition toscane" de Naples) – explosent et passent en grande quantité à l'imprimerie

► l'Inquisition (en Sicile de 1487 à 1782) nous a laissé non seulement des actes, comme les relaciones de causas envoyés au Consejo de la Suprema y General Inquisición à Madrid, mais aussi une grande quantité d'inscriptions ("Per dieci metri quadrati d'ogni parete intera non un dito di spazio libero, non un angolo risparmiato." ([1906] 1940 : 13)) dans les cachots de l'Inquisition à Palerme. Celles-ci sont témoins d'un plurilinguisme considérable :

Latin : "O Rosalea, sicut liberasti a peste Panhormum, Me quoque sic libera carcere, et a tenebris"

Toscan : "Piange la misera perchè illuoco è di pianto." ; "Pacienza / Pane, e tempo."

Sicilien : "Sugnu murtu et ancora haiu a muriri."

Formes plurilingues/hybrides : Sicilien/Toscan : "[...] diri lu / versu 4, 5 di lu / salmu 131 memento / di Re David [...] fino a [...]"

Formes parallèles : Toscan : "e statti in cervello che qui / danno la tortura" ; Sicilien : "sta in cervellu (eigentlich : cerveddu) chi ccà dunanu la corda a nu'" / "Vi avvertu chi ccà / prima dunanu la corda"

 

Jochen Hafner, Ludwig-Maximilians-Universität, München

Lille, 30 avril 2010

 

 
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